Engineering trifft Risk Financing: Wie Risikoingenieurwissen neue Perspektiven für Captives schafft
Dieser Fachartikel stammt aus der VersicherungsPraxis 05/2026. Autoren sind Philip Brandl, Head of Risk Engineering, und Reiner Hoffmann, Head of Captive & A.R.T.
Die Verbindung aus risikoingenieurtechnischem Know-how und moderner Risikofinanzierung eröffnet A.R.T.-Lösungen wie Captives und Virtual Captives Zugang zu Risiken, die als schwer versicherbar gelten. Gemeinsame Modelle, Daten und Szenarien schaffen die Grundlage für steuerbare und kontrollierte Risiken.
Die Rolle der Captive im modernen Risk Financing
Captives sind ein strategischer Baustein der moderne Risikofinanzierung. Neben ihrem Einsatz als Kapazitätsgeber in klassischen Sparten übernehmen sie weitere risikostrategische Rollen: Sie federn Versicherungsmarktzyklen ab, ermöglichen maßgeschneiderte Deckungen und dienen als Testfeld zur Absicherung neuer Risikoarten.
Captives werden oft als eine Keimzelle für neue oder schwer versicherbare Risiken eingesetzt. Dabei werden solche Risiken zunächst intern durch die Captive übernommen, um erste Erfahrungen zu sammeln und anschließend Teile davon gezielt in den Versicherungsmarkt zu überführen.
Für Risikomanager entsteht dadurch eine strategische Frage: Wie kann eine Captive ihr Portfolio erweitern, ohne ihre Risikotragfähigkeit zu überlasten? Der Ansatz liegt in der Integration von risikoingenieurtechnischem Knowhow.
Durch diese Zusammenarbeit können Versicherer gemeinsam mit ihren Kunden die wesentlichen Risikofaktoren identifizieren und die Schwerpunkte der Schadenverhütung abstimmen. So wird die Risikokontrolle zu einem gemeinsamen Prozess, Risiken können holistisch betrachtet und durch Risikoingenieur-Methodiken die Total Costs of Risk bestimmt werden.
Ingenieurswissen hilft bei der Portfolio-Diversifikation von Captives
Ein häufiger Schwachpunkt vieler Captives ist ein Konzentrationsrisiko im Portfolio. Die Aufnahme zusätzlicher, nicht korrelierter Risiken bringt mehrere Vorteile:
1. Stabilere Ergebnisse durch Diversifikation
2. Bessere Nutzung interner Risikodaten
3. Schließen von Versicherungslücken
Viele Risiken, die im Versicherungsmarkt schwer platzierbar sind, besitzen eine wichtige Eigenschaft: Sie sind technisch erklärbar und damit operativ beeinflussbar. Unterschiedliches Wissennüber diese Risiken führt jedoch oft zu erhöhter Vorsicht und geringerer Risikotransparenz bei Versicherern, was letztlich in reduzierter Kapazität und Nachteilen für die Kunden resultiert.
Als Beispiel dient anschaulich die Entwicklung der CBI-Kapazitäten (Rückwirkungsschäden) in der Automobilbranche.

Zu Beginn der Zusammenarbeit zwischen Versicherer und Kunde besteht oft eine Informationsasymmetrie. Durch Risikodialoge und Werksbesichtigungen wächst das gemeinsame Verständnis der wesentlichen Risiken und deren erfolgreiche Schadenminderung. Schritt für Schritt verkleinern sich so die jeweiligen Wissensvorsprünge: Der Wissensvorsprung des Kunden – die Known Unknowns – und der Vorsprung auf Seite des Versicherers – die Unknown Knowns, indem offen alle Erkenntnisse zusammengeführt werden. Durch diesen offenen Dialog können die Unknown Unknown-Potenziale erfasst, messbar gemacht und Resilienz geschaffen werden.
Besonders anspruchsvoll sind komplexe Abhängigkeiten wie Risiken in der Lieferkette, zum Beispiel bei Betriebsunterbrechungen oder bei Rück- und Wechselwirkungsschäden. Risikoingenieure arbeiten sehr eng mit den Experten der Kunden zusammen und wenden dabei etablierte Verfahren wie Bottleneck-Analysen, die Analyse von Produktionsabhängigkeiten, Prozessen und Lieferketten an. Die Zusammenarbeit mit Captives schafft einen besonderen Vorteil: Kunde und Versicherer agieren als gemeinsamer Risikoträger und so nützt die erfolgreiche Schadenverhütung beiden Parteien. Je offener und zielgerichteter sie dabei zusammenarbeiten, desto messbarer und quantifizierbar werden die Schadenverhütungsaktivitäten.
Der schrittweise Einsatz einer Captive in neuen oder individuellen Risikobereichen kann einen hohen strategischen Nutzen aufweisen. So können mit Captives Erfahrung gesammelt werden, ohne das Eigenkapital mit erheblicher Volatilität zu belasten. Schäden und Beinaheschäden, Near-Misses, können technisch kontinuierlich analysiert werden, um gegebenenfalls die Risikofinanzierungsstrategie frühzeitig anzupassen.
Wie eine Zusammenarbeit in der Praxis aussieht
In Workshops legen Risk Engineers, A.R.T.-Strukturierer, Kunde und Makler gemeinsame Schwerpunkte fest und anhand konkreter Szenarien wird das Schadenpotenzial ermittelt. Neben der erwarteten Schadenhöhe sowie -frequenz lässt sich die Schwankungsbreite eines Risikos ermitteln. Dies sind die wesentlichen Kenngrößen zur Bestimmung der individuellen Risikotragfähigkeit der Captive. Bei hoher Volatilität werden Maßnahmen zur Risikokontrolle eruiert. Die Kombination aus risikoingenieurtechnischer Analyse und aktuariellen Methoden ermöglicht eine messbare Verbesserung des Risikoprofils.
Engineering und Captives als innovative Partner
Die Weiterentwicklung von Captives hängt maßgeblich davon ab, technisches Risiko-Know-how mit finanzieller Risikostrukturierung zu verbinden. Durch diese einmalige Zusammenarbeit von Ingenieuren, Risk Managern und Aktuaren können Unternehmen
- neue Risikoarten versicherbar machen,
- ihr Captive-Portfolio diversifizieren,
- Versicherungslücken schließen
- und ihre Gesamtrisikokosten senken.
Fazit
In den kommenden Jahren ist mit einer Weiterentwicklung vieler Captives zu rechnen – weg von Optimierern klassischer Versicherungsprogramme hin zu Plattformen, auf denen Unternehmen neue Ansätze in der Finanzierung ihrer Risiken erproben. Datenbasierte risikoingenieurtechnische Lösungen können hier eine Schlüsselrolle spielen, um Vertrauen aufzubauen, die maßgeblichen Risikofaktoren zu bestimmen und messbar zu machen sowie ein einheitliches Risiko-Verständnis zu entwickeln.